Unser großer Sohn ist jetzt im letzten Kindergartenjahr – und da dreht sich alles um Bewegung. Neulich hatten sie das Thema: Wie hebt man etwas richtig auf? Und Markus und ich haben uns kurz angeschaut und gedacht: Müssen Kinder das wirklich schon lernen? Bis jetzt war ich froh, wenn sie ihre Spielsachen aufheben und wegräumen. Soll ich jetzt auch noch darauf achten, wie sie das machen?
Dabei frage ich mich: Sollten Kinder sich nicht einfach frei bewegen dürfen – ohne ständig darüber nachzudenken, ob es „richtig“ ist? Und gilt das nicht genauso für uns Erwachsene?
Und dazu fand ich eine tolle Studie, die zu dem Ergebnis kommt: „Nicht die Bewegung verursacht die größten Probleme – sondern die Angst davor.“
Eine Studie aus Disability and Rehabilitation (2025) bestätigt eindrucksvoll, dass Bewegungsangst (Kinesiophobie) einer der stärksten Treiber für chronische Schmerzen und funktionelle Einschränkungen ist. Die Ergebnisse sind für unsere tägliche Arbeit hochrelevant – besonders in der Therapie von Rücken‑, Beckenboden‑ und muskuloskelettalen Beschwerden.
🧠 Was die Studie zeigt
1) Angst ist ein stärkerer Prädiktor für Einschränkung im täglichen Leben als die körperliche Verletzung
Menschen mit hoher Bewegungsangst zeigten:
- mehr Schmerzen
- schlechtere Funktionalität
- höhere Chronifizierungsrate
- geringere Belastbarkeit
Die Autor:innen formulieren sinngemäß:
„Fear of movement is a stronger predictor of disability than physical impairment itself.“
2) Vermeidung verstärkt Schmerzen
Die Studie bestätigt das bekannte Fear‑Avoidance‑Modell: Angst → Vermeidung → weniger Belastung → weniger Gewebetoleranz → mehr Schmerz → noch mehr Angst. Ein klassischer Teufelskreis, den wir therapeutisch durchbrechen müssen.
3) Bewegung ist sicher – und verbessert die Prognose
Kontrollierte Bewegung führt nachweislich zu:
- weniger Schmerzen
- besserer Funktion
- höherer Gewebetoleranz
- reduzierter Angst
4) Das Gehirn spielt eine zentrale Rolle
Die Studie zeigt:
- Angst verändert die Schmerzverarbeitung
- Erwartung beeinflusst die Aktivität in Bedrohungsnetzwerken
- Positive Bewegungserfahrungen normalisieren diese Aktivität
🧩 Was bedeutet das für unsere Therapie im Therapie Team Perg?
1) Education ist Therapie
Kurze, klare Erklärungen reduzieren Angst – und verbessern die Therapieergebnisse. Darum ist uns Aufklärung im Therapiealltag so wichtig.
2) Exposition statt Vermeidung
Wir führen unsere Patientinnen und Patienten kontrolliert an Bewegungen heran, die sie fürchten: Bücken, Heben, Tragen, Springen
3) Progression schafft Sicherheit
Belastung wird langsam gesteigert – so wächst die Gewebetoleranz. Daher reicht es nicht aus, immer die gleichen Übungen zu Hause zu absolvieren. Übungen müssen angepasst werden und/oder die Gewichter gesteigert werden.
4) Alltag wieder freischalten
Wir geben unseren Patientinnen und Patienten die Sicherheit zurück, dass Bewegung nicht gefährlich ist.
⭐ 5 wichtigste Takeaways für Patient:innen
- Bewegung ist sicher — selbst bei Rückenschmerzen. Der Körper ist robust und dafür gemacht, sich zu bewegen.
- Angst verstärkt Schmerzen — Vermeidung führt oft zu mehr Beschwerden als die Bewegung selbst.
- Kleine Schritte helfen — kurze, regelmäßige Bewegungseinheiten wirken stärker als seltene große Anstrengungen.
- Positive Erfahrungen beruhigen das Nervensystem — jede schmerzfreie Bewegung stärkt das Vertrauen in den eigenen Körper.
- Der Rücken ist stark — mit gezielter, langsamer Steigerung wird er belastbarer und sicherer im Alltag.
So bleibt mir mehr zu sagen:
„Nicht die Bewegung verletzt uns – sondern die Angst davor hält uns davon ab, wieder stark zu werden.“
Liebe Grüße
Stefanie
Quelle:
Associations between kinesiophobia, pain, functional disability, balance confidence and transverse abdomen muscle activation in elderly individuals with chronic nonspecific low back pain: a cross-sectional study, Cruz et al, 2025





